Tolle Tage! So oder so

Vom Rheinland bis nach Rio – herzlich willkommen zu einer kleinen Rundreise durchs fröhliche Narrentreiben!
  

Die Bäume sind noch kahl, der Winter ist noch nicht zum Frühling geworden – doch die Menschenwelt treibt's schon mal bunt wie selten! Bei den Rheinischen Rosenmontagsumzügen ebenso wie auf dem Münchener Fasching, beim Carnevale di Venezia und beim Carnaval in Rio, bei der schwäbisch-alemanischen wie bei der Baseler Fastnacht ... und sogar hoch im Norden. Schauen wir uns das doch einmal genauer an!

  

Warum ist es am Rhein so schön?

Als erstes erstürmen wir die berühmt-berüchtigten Karnevalshochburgen im Rheinland. Hier hat die „fünfte Jahreszeit“ bereits im Vorjahr, nämlich am 11. 11. um 11:11 Uhr begonnen – und wird seitdem mit allerlei gut gelaunten Prunk- und Stunksitzungen, Büttenreden, Musik und Tanz gefeiert.

Doch ab dem Donnerstag vor Rosenmontag, der Weiberfastnacht, herrscht definitiv der Ausnahmezustand: Nach den traditionellen Schlips-Bescheidungen und Stadtschlüssel-Eroberungen wird Tag und Nacht auf den Straßen, in den Kneipen und in den Büros gefeiert. Der Straßenkarneval hat begonnen, die „Jecken“ sind los!

Offizieller Höhepunkt der Non-Stop-Party sind die großen Rosenmontagsumzüge in Köln, Düsseldorf, Mainz, Aachen, Eschweiler und Bonn. Stunden, bevor es los geht, beziehen die ersten mehr oder minder heftig kostümierten Jecken bereits Posten am Straßenrand, ausgerüstet mit Campingstühlchen, Proviant und natürlich reichlich Kölsch oder anderen regionalen Stimmungselixieren. Je mehr „Fründe“ und Bekannte zum Lachen, Tanzen, Trinken und Schunkeln dabei sind, desto schneller vergeht die Zeit, bis „d´r Zoch kütt“. „Kamelle, Kamelle“ wird dann gerufen, und ein Regen von Leckereien ergießt sich übers fröhliche Volk. Das Kölner Dreigestirn oder das Prinzenpaar ziehen vorbei, viele Wagen mit riesengroßen, teils kritisch-satirischen, teils einfach spaßigen Pappmaché-Aufbauten ... und allerlei zackiges Karnevalsmilitär, das gelenkig die Beine schwingende Funkenmariechen im knappen Röckchen allen voran.

Die im Rheinland übliche Uniformierung der Karnevalsvereine geht auf die Zeit der französischen Besetzung im 18. Jahrhundert zurück. Mit Lumpenkostümen, die wie Uniformen wirkten, Gewehrimitaten mit Blumen im Lauf und einem absichtlich falsch ausgeführten militärischen Gruß (dem heutigen Narrengruß) wurde damals per Parodie gegen die französischen Militärs protestiert.
  


Wenn Ihnen die großen Rosenmontagsumzüge noch nicht bunt genug sind, können Sie sich am „Nelkensamstag“, „Tulpensonntag“ und „Veilchendienstag“ zahlreiche kleinere Umzüge in den umliegenden Städten und Dörfern oder die Kölner „Schull- und Veedelszöch“ (Schul- und Stadtteilzüge) ansehen. Der blumige Begriff „Rosenmontag“ hat ursprünglich allerdings gar nichts mit der Botanik zu tun, sondern kommt von „rasen“ im Sinne von „wild herumlaufen oder herumtollen“.

Karnevalstouristen, die von Hochburg zu Hochburg pilgern, sollten nicht nur den Dom, sondern unbedingt auch den Karnevalsgruß „Alaaf“ in Kölle losse. Denn der geht auf die Formel „Cöllen al aff“ zurück, und das bedeutet wörtlich: „Köln über alles!“ So etwas sorgt in Düsseldorf oder bei den Mainzelmännchen natürlich für böse Blicke. Hier bringt man seine gute Laue prinzipiell nur per „Helau!“ zum Ausdruck. Was das wiederum zu bedeuten hat, ist umstritten. Manche leiten das Wort von „hellblau“ oder „halbblau“ (im Gegensatz zum Zustand „völlig blau“) ab ...

In der Nacht zu Aschermittwoch um Punkt Mitternacht ist dann aber Schluss mit lustig. In dieser Nacht wird vielerortsunter Beschimpfungen, Wehklagen, dumpfen oder fröhlichen Gesängeneine lebensgroße Strohpuppe verbrannt, der so genannte „Nubbel“, „Zacheies“ oder „Bandle“, den man kurzerhand für alle Sünden büßen lässt, die während der tollen Tage begangen wurden.

Nun ja. Andere Länder, andere Narren. In München zum Beispiel fehlen Prunksitzungen, Faschingsvereine und Umzüge fast völlig. Hier zieht man den sogenannten Hallenfasching vor, den rauschenden Maskenball, der (sowohl was die Ausstattung als auch, was die Ausschweifung betrifft) an die Opulenz vergangener Jahrhunderte erinnert.

  

 

Schwäbisch-alemanische Narrensprünge

In ländlicheren Regionen, vor allem in Baden-Württemberg, Bayern, Vorarlberg, der Nordschweiz und im Elsass dagegen haben sich sehr alte, teilweise bis ins Mittelalter zurückgehende Fastnachtsbräuche erhalten. Hier springen noch grotesk vermummte Narren durch die Stadt: Teufel, Hexen, der dämonenhafte „Wilde Mann“, eine Art Waldmensch, allerlei Tiergestalten, welche die sieben Todsünden verkörpern, aber auch der freundliche „Weißnarr“ und andere Schalkfiguren.

Neben den in allen südwestdeutschen Fasnachtslandschaften verbreiteten Holzmasken gehören auch die sogenannten „Fleckle-“, „Blätzle-“ oder „Spättlehäs“ zur typischen Kostümierung. Diese aufwändigen Zottelgewänder bestehen aus zahllosen bunten, runden, rosetten- oder rautenförmigen Stoffflicken und werden jedes Jahr wieder getragen. In manchen Gegenden ist es sogar üblich, sie über Generationen zu vererben. Die ältesten Kostüme findet man in Rottweil.

Die schwäbisch-alemanische Fastnacht beginnt am „Schmutzigen Donnerstag“ frühmorgens, oft mit dem Wecken durch eine „Katzenmusik“. Abends zieht dann der Zug der „Hemdglonker“ mit weißen Nachthemden, Schlafhauben und Zipfelmützen, Laternen und Lärminstrumenten durch die Straßen.

„Narrensprünge“ oder „Fasnetsumzüge“ der heimischen Narrenzunft, oft auch unter Beteiligung zahlreicher Gastzünfte, finden vorwiegend zwischen Fasnachtssamstag und -dienstag statt. Zur musikalischen Begleitung haben manche Städte ihren eigenen Narrenmarsch, der die Teilnehmer zu rhythmischem „Jucken“, teils in vorgegebener, ritualisierter Schrittfolge, veranlasst. „Narri“ ruft der verzückte Narr den Zuschauern zu, „Narro“ schallt es zurück.

Auch Tänze unterschiedlichster Art werden dargeboten. In Überlingen schunkeln und tanzen die „Hänsele“ zum Narrenschunkler bzw. Narrenwalzer, in Lindau wird der „Köfflerjuck“ und „Buzentanz“ aufgeführt, in Konstanz der „Laternentanz“, der „Blätzlebuebe“ in Löffingen, und in Schömberg auf der Schwäbischen Alb tanzen die „Fransenkleidle“ und „Fuchswadel“ eine eindrucksvolle „Narrenpolomaise“.

Zum Kehraus (alemannisch: „Usfegete“) am Dienstag gegen Mitternacht müssen dann auch hier die armen Strohpuppen dran glauben. Mit ihnen wird unter viel Geheul und Wehklagen die Fasnacht symbolisch begraben oder verbrannt.

  

 

Venedig: Elegant und opulent

Ähnlich rustikale „Wilde Männer“ wie auf der schwäbisch-alemanischen Fastnacht waren ursprünglich auch auf dem Karneval in Venedig zu sehen. In der Renaissance aber wurden sie mehr und mehr von den aufwändigen Kostümierungen abgelöst, die wir heute kennen.

Besucher des venezianischen Karnevals sahen dort bereits im 16. Jahrhundert „Himmels- und Meeresgötter, an die zweihundert der phantastischsten und bizarrsten Verkleidungen, eine Gruppe mit so viel Gold, Juwelen und Perlen, dass man aus dem Staunen nicht herauskam“.

Die klassisch-venezianische Kostümierung ist die „Maschera nobile“ mit verhüllender Bautà, weißer Wachsmaske (Volto), Federhut und Tabarro, einem Mantel aus schwarzer Seide. Gern werden aber auch Anleihen bei der Mythologie der Antike, der Historie oder dem Figurenarsenal der Commedia dell'Arte gemacht - oder man lässt ganz einfach der Fantasie freien Lauf und gestaltet sein eigenes „Tüllmonster“.

Und wozu die ganze Pracht? „Diese Verkleidungen eröffnen jede Gelegenheit für eine Unmenge an Liebesabenteuern“, vermutete der englische Reisende Joseph Addison zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Und dieses galant-erotische Flair haftet dem „Carnevale di Venezia“ noch immer an. Gefeiert wird er 10 Tage lang, doch am Aschermittwoch ist auch hier alles vorbei, denn in allen katholischen Ländern beginnt jetzt die 40-tägige Fastenzeit vor Ostern.

    

Nachschlag gibt's in Basel

Im protestantischen Basel in der Schweiz aber geht es nach Aschermittwoch erst so richtig los. Und zwar am darauffolgenden Montag um Punkt 4:00 Uhr mit dem sogenannten „Morgenstraich“: Zu diesem Zeitpunkt löschen die Basler Stadtwerke die Straßenbeleuchtung, die Innenstadt wird vollständig verdunkelt. Das einzige Licht kommt von den Laternen der nun umherziehenden Fastnachtler-Cliquen. Auf den Laternen sind die Sujets der Cliquen abgebildet, das sind Themen der Zeitgeschichte, an denen von ihnen in satirischer Form Kritik geübt wird.

Am Montag- und Mittwochnachmittag folgen dann weitere Umzüge (Cortèges) durch die Innenstadt. Wagencliquen zeigen ihre zum Sujet passend dekorierten Fasnachtswagen und verschenken, ähnlich wie in Köln oder Bonn, Süßigkeiten und Obst an die Kinder und Blumen an die Mädchen. Anders als am Rhein aber gibt es in Basel eine strikte Trennung zwischen aktiven Narren und Zuschauern: Nur die 12.000 Aktiven tragen ein Kostüm mit Maske. Oft sind diese „Larven“ Personen des öffentlichen Lebens (Politikern und andere Prominenten) nachempfunden, manchmal auch Comic-Figuren oder Tieren. Es gibt aber auch traditionelle Masken wie Harlekine.

In Cliquen ziehen die aktiven Fasnachtler dann durch die Strassen, Kneipen und Geschäfte. Begleitet vom Rhythmus ihrer Baseler Trommeln veranstalten Pfeifer- und Tambouren-Cliquen das größte Pfeifkonzert der Welt. Am Dienstagabend gehört das Stadtzentrum jedoch den „Guggenmusik“-Gruppen, die mit Blechblasinstrumenten für Stimmung sorgen.

Auch Einzelpersonen ziehen im traditionellen „Waggis“-Kostüm durch die Straßen und überschütten die Zuschauer hinterrücks mit „Räppli“ (= Konfetti), das hier so beliebt ist wie nirgends sonst. Obendrein machen sich Schnitzelbanksänger auf Baseldeutsch über aktuelle Ereignisse lustig und illustrieren ihren Vortrag auf Schautafeln.

Die Basler Fasnacht dauert exakt 72 Stunden und endet am Donnerstagmorgen um 4.00 Uhr.

  

Und was ist mit den Nordlichtern?

Auch die „Nordlichter“ halten sich oft nicht recht an den katholisch-korrekten Zeitplan für die Frühjahrsfröhlichkeit. Viele private, öffentliche oder schulische Faschingsfeiern finden im Norden erst nach Aschermittwoch statt. Das größte nordeuropäische Karnevalsfest im dänischen Aalborg wird sogar alle Jahre wieder erst im Mai veranstaltet.

Allgemein sind Skandinavien, England oder auch Ost- und Norddeutschland allerdings nicht gerade ausgemachte Narrenregionen. Aber, immerhin: Der Karneval in Wasungen (Südthüringen) gilt als einer der ältesten in Deutschland (er ist seit 1524 beurkundet), und in Schleswig-Holstein (Dithmarschen) bekommt man zur Faschingszeit den Rosenmontagsumzug in Marne und die Heider „Hohnbeer“ zu sehen.

Auf der anderen Seite des großen Teichs herrscht in Sachen Karnevalismus ein ähnliches Nord-Süd-Gefälle: Die meisten US-Amerikaner haben ihren Bedarf an verkleideter Fröhlichkeit bereits durch Halloween-Partys um den 31. Oktober herum gedeckt. Nur in der Gegend um New Orleans, Louisiana, werden termingerecht mehrtägige Faschingsveranstaltungen namens „Mardi Gras“ (= „Fettiger Dienstag“) abgehalten. In Lateinamerika aber geht es in den tollen Tagen ganz gewaltig rund!

  

Rio: Bunt, sexy und sehr sportiv

Vor allem die großen, farbenprächtigen Paraden des „Carnaval“ (so die korrekte portugiesische Schreibweise) in Rio de Janeiro sind weltbekannt. Doch was auf uns wie eine glamouröse und prickelnd erotische Dauershow wirkt, ist tatsächlich eher als ein sportlicher Wettkampf nach strengen Regeln zu verstehen. Diesen Wettkampf liefern sich die örtlichen Sambaschulen, die hierwie beim Fußballin vier Ligen gegeneinander antreten und von Preisrichtern beurteilt werden. Jede „Escola de Samba“ wählt ein bestimmtes Thema und stimmt darauf die Dekoration der Festwagen, die Kostüme sowie Rhythmus und Choreographie ab. All das wird dann von Preisrichtern bewertet. Pro Escola treten 3.000 bis 5.000 Teilnehmer an. Die meisten der prächtig ausstaffierten Könige, Königinnen, Prinzessinnen und Baianas haben das ganze Jahr hindurch hart gearbeitet, um sich die Kostüme leisten zu können, in denen sie sich nun nur für wenige Stunden zeigen.

Jede Schule hat genau 90 Minuten Zeit für ihre Parade (ein Überschreiten dieses Zeitlimits kostet wertvolle Punkte). Die Paraden beginnen Freitag, Samstag und Sonntag jeweils abends um 20.30 Uhr und dauern pro Festtag etwa 12 Stundenalso bis in den nächsten Morgen hinein. Das übrige feierfreudige Volk wird derweil von „Trios Eletricos“ in Tanzlaune gebracht. Das sind große Wagen, auf denen Live Bands im Schritttempo durch die Stadt fahren.

Am Aschermittwoch gegen Mittag findet dann die Punkteauszählung statt. Sie wird vom Fernsehen im ganzen Land live übertragen. Jedes Jahr steigen zwei Escolas mit den besten Punktzahlen aus der Ersten Liga in die „Grupo Especial“ auf. Für die Gewinner gibt es einen Geldpreisund viel Ehre. Wie bei einer Fußballweltmeisterschaft wird die Siegesfeier mit Feuerwerk und Freudenfesten begangen.

Und gleich darauf beginnen auch schon die Vorbereitungen für den Karneval im nächsten Jahr ... in Rio wie am Rhein.
  


 

Helau, Alaaf und vielen Dank für Ihr Interesse!

Bei dem Text, den Sie gerade gelesen haben, handelt es sich um die direkt am Rosenmontag (27.02.2017) überarbeitete Neufassung eines ursprünglich im Auftrag der Kieler Werbeagentur WortBildTon GmbH für das „mein coop magazin“ (Februar-Ausgabe 2005) verfassten Artikels.

Fotos: © Paul-Georg Meister / pixelio.de (Fasnachtsumzug, Clown), © Elisabet Patzal / pixelio.de (Karneval in Düsseldorf, Wagenfigur), © omron / pixelio.de (Hexen), © Werner Wind / pixelio.de (Venezianische Maske), © René Thomann / pixelio.de (Baseler Fasnacht), © Jörg Brinckheger / pixelio.de (Konfetti) und holdi / pixelio.de (Feuerwerk an der Copacabana). Vielen Dank dafür!