Redensarten: Namhafte Namen

Hinter den Namen, die wir in unseren Redewendungen gebrauchen, verbirgt sich ein ausgesprochen buntes Völkchen!
   


   

Kennen Sie Ihre Pappenheimer?

Mein lieber Scholli! Hansdampf in allen Gassen ist frech wie Oskar, der geht ja ran wie Blücher! Ist das – nach Adam Riese – wirklich der wahre Jakob?  Klangvolle Namen streuen wir immer wieder gern ins Gespräch; sie entstammen der Bibel, der antiken Mythologie oder auch dem Kino … und oft sind hier auch die Trendnamen aus verschiedenen Jahrhunderten im Spiel.
   

Wieder mal Krethi und Plethi getroffen?

Dann hatten Sie die Ehre mit den Leibwachen des alttestamentarischen Königs David, die im 2. Buch Samuel (8,18) erwähnt werden. Bei späteren Bibelübersetzungen war allerdings nicht mehr ganz klar, was diese Worte genau bedeuteten: Handelte es sich hier um Kreter und Philister, also um Angehörige anderer Volksstämme? Oder um die Scharfrichter und die Eilboten Davids (was von hebräisch »krethi« = »töten« und »plethi« = »davoneilen« abgeleitet sein soll)? Auf jeden Fall um ein buntes Gemisch aller möglichen Leute!
   

Hans und Kunz Normalverbraucher

Doch auch Hinz und Kunz sind unterwegs. Das waren sie schon im Mittelalter (erstmals belegt um 1300), als Heinrich (= Hinz) und Konrad (= Kunz) derart beliebte Vornamen waren, dass fast die ganze Stadt so hieß.

Im 16. Jahrhundert dagegen war dann der Name Hans (bzw. Johannes) so populär, dass tatsächlich in jeder Gasse mindestens einer davon anzutreffen war. Daher wurde der Name schließlich auch synonym für den Menschen schlechthin gebraucht; so etwa in den Märchen vom Hans im Glück oder von Hänsel und Gretel (hier begleitet von seinem weiblichen Pendant, der Margarete).

In diesem Sinne gilt also bis heute längst nicht nur für Hans, sondern auch für Paul und Maria: »Was das Hänschen nicht lernt, das lernt der Hans nimmermehr!«

Hansdampf im Speziellen ist ein ganz besonders umtriebiger Hans, der meint, über alles und jeden Bescheid zu wissen. Deshalb empfindet ihn so mancher auch als »Prahlhans«; ganz wie ein englischsprachiges Gegenstück, den »Jack of all trades (and master of none)«.

Und wenn »Schmalhans Küchenmeister«, der Koch also von auffällig dürrer Statur ist, dann wird es auch für alle anderen nur wenig zu essen geben.

Der Durchschnittsbürger »Otto Normalverbraucher« dagegen ist eine recht moderne Erfindung. Er geht auf eine Figur aus dem Nachkriegsfilm Berliner Ballade (1948) zurück, die von Gert Fröbe gespielt wurde. Der Name Otto leitet sich zwar von »ot«, dem althochdeutschen Wort für Besitz, ab und bedeutet daher »der Begüterte« – doch wer auf den Lebensmittelkarten der Besatzungszeit als »Normalverbraucher« ausgewiesen wurde, der erhielt (anders als z. B. Schwangere oder Kriegsversehrte) nun eben gerade keinerlei Vergünstigungen, sondern nur die Minimalration.
   

Historische Haudegen – nicht nur an der Katzbach

»Daran erkenn' ich meine Pappenheimer«, lässt Schiller seinen Wallenstein im gleichnamigen Stück sagen. Und das war ursprünglich gar nicht spöttisch, sondern als großes Lob gemeint: Die historischen Pappenheimer waren ein nach ihrem Befehlshaber, dem Grafen Gottfried Heinrich zu Pappenheim (1594-1632), benanntes Kürassierregiment im Dienste der Habsburger. Sie galten im Dreißigjährigen Krieg als besonders tapfer, treu und mutig.

Wer dagegen »rangeht wie Blücher«, der eifert dem preußischen Generalfeldmarschall Gebhard Leberecht von Blücher nach, der sich unter anderem in der Schlacht an der Katzbach (1813) durch seine offensiven und entschlossenen Strategien hervortat. Seinerzeit wurde Blücher daher auch »Marschall Vorwärts« genannt.
   

Casanova und der uralte Methusalem

Ein sprichwörtlicher »Casanova« dagegen tritt in die Fußstapfen des Giacomo Girolamo Casanova (1725-1798), der durch die literarische Schilderung seiner zahlreichen Liebschaften zu nachhaltigem Ruhm gelangte.

Ob man so vielleicht auch »alt wie Methusalem« wird? Das ist ein recht unbescheidener Wunsch, denn Noahs Großvater Methusalem lebte stolze 969 Jahre, berichtet das Alte Testament. Damit hält er – vor Noach (950 Jahre) und Adam (930 Jahre) – den absoluten Rekord in Sachen »biblisches Alter«. Diese wirklich eindrucksvolle Länge des Lebens könnte allerdings auf Schreibfehler bei der Übersetzung der Heiligen Schrift zurückgehen, die mit der Umstellung vom Mond- auf den Sonnenkalender zusammenhängen: Vielleicht hat Methusalem auch nur 969 Mondperioden (also Monate) gelebt? Das ergäbe dann umgerechnet rund 80 Sonnenjahre, also ein aus heutiger Sicht ganz normales Alter.
   

Der dicke Wilhelm und der große Zampano

Egal aber, ob 969 oder nur 80 Jahre – hält man es so lange durch, stets »den großen Zampano raushängen zu lassen«? Diesen Inbegriff des Prahlers, der sich lautstark inszeniert und behauptet, er könne sogar das Unmögliche möglich machen, verdanken wir definitiv einer fiktiven Figur, nämlich dem Jahrmarktskraftprotz Zampano, der in Federico Fellinis Film La Strada (1954) von Anthony Quinn verkörpert wird.

Unklarer ist schon, wen genau wir kopieren, wenn wir »den dicken Wilhelm markieren«. Diese – inzwischen etwas angestaubte – Wendung könnte sich auf den Spitznamen »Willem« beziehen, mit dem man früher den wohlgenährten Holländer schlechthin bezeichnete. (Genauso pauschal sprach man dann auch vom spießig-schlafmützigen deutschen Michel oder vom lebensfrohen französischen Jaques.) Wilhelm hießen im 17., 18. und 19. Jahrhundert allerdings auch zahlreiche nicht minder gut gesättigte deutsche Fürsten. Als Namenspate der Redewendung käme aus dieser Runde insbesondere der wirklich ausnehmend füllige und verschwenderische König Friedrich Wilhelm II. von Preußen infrage.
   

Scholli und Oskar

»Mein lieber Scholli!« rufen wir aus, wenn solche selbsternannten Größen auftrumpfen und uns damit entweder positiv oder negativ überraschen. Doch wer ist Scholli? Spielt diese Wendung auf den historischen Ferdinand Joly (1765-1823) an, ein österreichisches Original, das als Student aus unklaren Gründen von der Salzburger Universität verwiesen wurde und fortan singend, volkstümliche Theaterstücke und Lieder dichtend und schauspielernd durchs Land vagabundierte? Oder wurde hier einfach nur das französische Adjektiv »joli« (= »hübsch«) etwas eigenartig eingedeutscht, etwa mit der Bedeutung: »Na, mein Hübscher, da hast du dir aber was geleistet!«?

Da weiß die Sprachforschung auch nicht weiter. Und genauso offen bleibt bisher, ob ein Auftreten »frech wie Oskar« sein Vorbild in realen Frechlingen wie dem derben Leipziger Original Oscar Seifert, einem Jahrmarktverkäufer und Schausteller (1861-1932), dem spitzzüngigen Berliner Kritiker Oscar Blumenthal (1852-1917) oder dem provokativen irischen Schriftsteller Oscar Wilde (1854-1900) hat; oder ob hier vielleicht einfach das jiddische Wort »Ossoker« (= »Frecher«) zum Namen verbogen – und damit doppeltgemoppelt – wurde.
   

Gretchens Frage

Die Erfinderin der Gretchenfrage dagegen heißt korrekterweise Margarete und ist die weibliche Hauptfigur in Goethes Faust. Ihre berühmte Frage an den Titelhelden lautet: »Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?« (Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, Vers 3415) Das klingt für uns Zuschauer (die wir ja wissen, dass Faust gerade einen Pakt mit Mephisto, also mit dem Teufel eingegangen ist) zunächst natürlich unendlich naiv … doch letztendlich stellt Gretchen damit die entscheidende Gewissens- und Schicksalsfrage, um die sich das ganze Drama dreht.
   

Die Minna macht sich!

Faust weicht Gretchens Frage mit ebenso umwegigen wie hochintellektuellen Kunststücken aus, denen das schlichte Mädchen schlicht nicht folgen kann.

Doch »zur Minna machen« (also demütigen oder zurechtweisen) lässt Gretchen sich deshalb noch lange nicht! Sie ist ja schließlich keine Hausangestellte aus Kaiser Wilhelms Zeiten (1888-1918), in dessen Ära derart viele Frauen Wilhelmine hießen, dass die dazugehörige Kurzform »Minna« sich als pauschale Berufsbezeichnung für die Dienstmädchen schlechthin einbürgerte. Und die wurden damals – jedenfalls der Redewendung nach – offensichtlich ziemlich häufig schikaniert.
   

Jakobs Wege

»Der wahre Jakob« sind solche Umgangsformen natürlich nicht. Doch wer ist dann ein echter Jakob, wer oder was trifft den Kern der Sache am besten?

Schon im Mittelalter stritt man darüber, ob die Kathedrale in Santiago de Compostela wirklich das wahre Grab, die wahren Gebeine des Heiligen Jakobus beherbergte, und bis heute zweifelt die Forschung daran, ob der Schutzpatron aller Pilger wirklich in Spanien beerdigt wurde. Doch früher wusste man diese Ungewissheit ausgesprochen pfiffig auszunutzen: Neben Santiago de Compostela beanspruchten noch zahlreiche weitere Städte diese Ehre für sich, um lukrative Pilgerströme anzuziehen; und alle behaupteten natürlich, dass ihr Jakob der einzig wahre sei!
   

Rieses Rechnungen

Nach Adam Riese aber kann es die heiligen Gebeine, die vollständigen Reliquien des Heiligen Jakobs nur einmal geben. Adam Riese war nicht etwa ein bemerkenswert großwüchsiger Stammvater der Menschheit, sondern der Vater der modernen Mathematik. Dem deutschen Rechenmeister (1493-1559), dessen Lehrbuch Rechenung auff der linihen und federn bis ins 17. Jahrhundert hinein sehr populär war, verdanken wir es unter anderem, dass die zuvor gebräuchlichen, umständlichen römischen Zahlen, mit denen sich kaum rechnen ließ, durch die weitaus zweckmäßigeren arabischen Zahlen ersetzt wurden.

Eigentlich hieß Adam nur »Ries« mit Nachnamen. Das abschließende »e« geht darauf zurück, dass zu seiner Zeit auch die Personennamen dekliniert wurden.
   

Antike Heroen und Hungerleider

Auch die stolzen Helden aus der antiken Mythologie begleiten uns bis heute durch die Sprichwörterwelt. Zum Beispiel dann, wenn wir einen »Augiasstall ausmisten«, also sehr gründlich aufräumen. Sei es in einer völlig verschlampten Wohnung – oder auch in einem politischen Korruptionsgeflecht.

Im altgriechischen Original handelte es sich bei diesem »Saustall« um einen Rinderstall mit stolzen 3000 Tieren, die Augias, dem König von Elis auf der Peloponnes-Halbinsel, gehörten. Seit 30 Jahren war hier nicht mehr ausgemistet worden! Dann aber wurde der Held Herakles, ein Sohn des Götterkönigs Zeus, im Rahmen der legendären zwölf Aufgaben, die ihm von König Eurystheus gestellt wurden, mit dieser für einen Halbgott wenig schmeichelhaften Tätigkeit betraut. Binnen eines einzigen Tages sollte er den riesigen Stall säubern. Das schien unmöglich zu schaffen. Der pfiffige Herakles aber bewältigte die Aufgabe, indem er die Fundamente des Stalls an zwei Seiten aufriss und dann die Flüsse Alpheios und Peneios hindurchleitete, die allen Unrat kraftvoll fortspülten.

Höllisch schwierig!

Herakles leistete also eine echte »Sisyphusarbeit«! Oder? Nicht ganz, denn er hat sein Ziel ja erreicht. Ganz im Gegensatz zum echten Sisyphos (latinisiert Sisyphus), dem König von Korinth, der sich wirklich ganz vergeblich bei einer schweren und sinnlosen Arbeit abmühte: Zur Strafe für seine Gewinnsucht und Verschlagenheit und vor allem für einen Verrat am Göttervater Zeus wurde Sisyphos in den Hades, Abteilung Tartaros (eine Art Hölle der alten Griechen) verbannt, wo er unter Müh und Plag einen großen, schweren Felsbrocken einen hohen, steilen Berg hinaufwälzen musste. Und zwar bis ans Ende aller Tage. Denn kaum näherte er sich dem Gipfel, da entglitt ihm der Stein, rollte wieder in die Tiefe – und Sisyphos musste von vorn anfangen.

Und noch jemand litt in der Unterwelt echte »Tantalosqualen«. Das war Tantalos selbst. Er hatte es unter anderem gewagt, die Allwissenheit der Götter auf die Probe zu stellen, indem er ihnen bei einem Gastmahl seinen eigenen Sohn Pelops als Speise vorsetzte. Doch die Götter erkannten die Gräueltat und verwandelten den als Bratenhäppchen angerichteten Pelops wieder in einen lebendigen Menschen. Tantalos aber musste zur Strafe nun ewig an unerfüllten Sehnsüchten leiden: Er stand im Hades bis zum Kinn in einem Teich; doch immer, wenn er davon trinken wollte, senkte sich der Wasserspiegel und er konnte seinen Durst nicht stillen. Direkt über seinem Kopf dagegen wuchsen saftige Birnen, Äpfel, Granatäpfel, Feigen und Oliven; doch sobald er sich eine Frucht pflücken wollte, wirbelte ein Wind die Äste aus seiner Reichweite und er blieb ewig hungrig.
   

Von Fersen und Pferden

Im Hades gab es allerdings durchaus auch nützliche Gewässer. Zum Beispiel den wunderkräftigen Fluss Styx, der die Unterwelt von der Oberwelt trennte. In ihm badete die Meeresgöttin Thetis ihren von einem menschlichen Vater gezeugten und damit sterblichen Sohn Achilles, um ihn zumindest unverwundbar zu machen. Irgendwo aber musste sie ihr Kind dabei festhalten, damit es nicht ganz in den Fluten versank. Und so blieb die rechte Ferse des Kleinen vom Wunderwasser unberührt und damit auch verwundbar.

Eine solche »Achillesferse«, also eine Schwachstelle, die angreifbar macht, können heutzutage nicht nur Menschen, sondern auch Systeme oder Strategien haben. Dem griechischen Helden wurde sie später im Trojanischen Krieg zum Verhängnis.

Der umkämpften Stadt Troja selbst dagegen brachte das ebenfalls sprichwörtlich gewordene »Danaergeschenk« den Untergang. Dieses gefährliche, hinterlistige und schadenbringende Geschenk an Troja war das große hölzerne Pferd, in dem sich die feindlichen Griechen (auch »Danaer« genannt) versteckten.

»Ich fürchte die Danaer, auch wenn sie Geschenke bringen«, warnte Laokoon bei Vergil da vergebens … Und heute steht das trügerische Präsent im Internet als sogenannter »Trojaner« für alle allzu sorglosen Nutzer bereit.
   


Vielen Dank für Ihr Interesse! In dem Text, den Sie gerade gelesen haben, habe ich verschiedene Beiträge zu einer Artikelserie miteinander kombiniert, die ich in den Jahren 2008 bis 2015 (im Auftrag der Kieler Werbeagentur WortBildTon) annähernd Monat für Monat für mein-coop-Magazin, das Kundenmagazin der sky- und plaza-Märkte verfasst habe. Im Mai 2019 habe ich meine Ausführungen zum Thema »Sprichwörter und Redewendungen« für die Veröffentlichung auf dr-michaela-mundt.de neu aufgearbeitet und durch eigene Illustrationen ergänzt.