Grachten und Glaubensvielfalt

Friedrichstadt, das bezaubernde »Klein Amsterdam« nahe Husum, hat ein ganz besonderes Flair – und eine bemerkenswerte Geschichte!
   

Wenn Sie an der schleswig-holsteinischen Nordsee Urlaub machen, sollten Sie die romantische Holländerstadt unbedingt besuchen!
   

Kaum angekommen, trifft man schon auf einen ersten grachtenartig anmutenden kleinen Kanal, der (nicht gerade in typisch nordfriesischer Manier!) die Straßenzüge voneinander trennt.

Das gesamte Zentrum der Stadt liegt auf einer künstlichen Insel, die im Norden von der Treene, im Süden von der Eider und im Osten und Westen von zwei Sielzügen umschlossen wird. Zusätzlich sorgen der Mittelburggraben und der Fürstenburggraben für einen Hauch von Amsterdam.

Oder für einen Hauch Venedig? Nein, das weniger; denn das Gefühl, urplötzlich in Hollands Hauptstadt gelandet zu sein, verstärkt sich weiter durch die Vielzahl der Häuser im Stil der niederländischen Backsteinrenaissance, die das Gesicht der Altstadt prägen.
   


Besonders imposant präsentieren sich ihre charakteristischen Treppengiebel an der Westseite des rustikal kopfsteingepflasterten Marktplatzes. Gleich neun von ihnen stehen hier Seite an Seite – allesamt bereits Anfang des 17. Jahrhunderts in der Gründerzeit der Stadt entstanden.
   

Ihnen gegenüber befindet sich ein charmantes, gotisch anmutendes Brunnenhäuschen, in dem sich eine Pumpe verbirgt. Das Pumpenhäuschen wurde der Stadt 1879 von dem Architekten Heinrich Rohardt geschenkt. Seine Giebel sind mit vier plattdeutschen Sprüchen des Dichters Klaus Groth verziert, die zum Trinkwassergenuss einladen. So zum Beispiel:

»Frisch Water ut den Soot
is vör alle Wehdag god
Water rein un hell
is de wahre Lebensquell.«

Oder:

»He Suput, kum he hierrup
un drink he sik voll
Datt hier is en Quikborn
makt satt un nich dull.«


Doch was haben Grachten und holländische Kaufmannshäuser hier, hoch im Norden Deutschlands zu suchen?

Und warum bildet ein Brunnen den Mittelpunkt des Marktes – und nicht, wie in den meisten Orten üblich, eine Kirche?

 

Friedrich III. und die Freiheit der Religionen
   

Antwort darauf gibt eine faszinierende Stadtgeschichte, die um 1573 damit begann, dass Herzog Adolf von Schleswig-Holstein-Gottorf an dieser Stelle (Marsch-)Land gewann, indem er die Treene durchdämmen ließ.

In der von seinem Großvater bewohnbar gemachten Region ließ der gottorfsche Herzog Friedrich III. dann ab 1621 die nach ihm benannte Stadt errichten. Dabei verfolgte Friedrich ehrgeizige Pläne: Hier, an der gut schiffbaren Eider, wollte er eine neue Handelsmetropole errichten, die sein Land zum Mittelpunkt des Warenaustauschs von Spanien über Russland nach Ostindien machen und so die Steuerkasse kräftig füllen sollte.

Ein so anspruchsvolles Vorhaben gibt man am besten in die Hände echter Profis! Friedrich nahm also gezielt Kontakt zu Bürgern der Niederlande auf, die seinerzeit als die besten Kaufleute galten und zudem führend in Fragen des Verkehrswasserbaus waren. Seinen künftigen Siedlern bot Friedrich nicht nur Darlehen, Zoll- und Steuerfreiheit auf 20 Jahre sowie die Option an, die Architektur der neuen Stadt ganz nach eigenem Ermessen zu gestalten, sondern auch etwas, was in der konfliktträchtigen Reformationszeit ganz besonders kostbar war: die freie Ausübung ihrer Religion.

Friedrichs Ruf folgte insbesondere die protestantische Glaubensgemeinschaft der Remonstranten, die aufgrund ihrer stark von der damals in den Niederlanden favorisierten calvinistischen Prädestinationslehre abweichenden religiösen Überzeugungen in ihrer Heimat seit 1619 verboten war und verfolgt wurde.

In Friedrichstadt aber durften die Remonstranten ihre erste eigene Kirche errichten – und sich eine attraktive neue Heimatstadt erschaffen, die (ganz wie das ebenfalls von niederländischen Baumeistern konzipierte New York) adrett und planmäßig wie ein Schachbrett in rechteckige Parzellen gegliedert ist. Innerhalb von nur vier Jahren entstand der südliche Teil der Siedlung.

In den Wirren des Dreißigjährigen Krieges, in Anbetracht der massiven Konkurrenz durch die längst etablierten Handelszentren Hamburg und Lübeck und auch, weil das katholische Spanien die Kooperation mit den protestantischen Siedler verweigerte, waren Friedrichs wirtschaftliche Pläne für seine Stadt dann zwar zum Scheitern verurteilt; doch dafür schuf er etwas sehr viel Bedeutsameres, nämlich eine überzeugende »Stadt der Toleranz«, die der bekannten Ringparabel aus Lessings Drama »Nathan der Weise« alle Ehre macht.

Die – in Zeiten des Absolutismus absolut nicht selbstverständliche! – Friedrichstädter Religionsfreiheit galt nicht nur für die gezielt angeworbenen niederländischen Glaubensflüchtlinge, sondern auch für andere Religionsgemeinschaften. Für die aus der Täuferbewegung hervorgegangenen Mennoniten zum Beispiel, oder für die römisch-katholischen Christen, die hier nach der Reformation ihre erste Gemeinde im lutherisch geprägten Schleswig-Holstein gründeten. Die jüdische Glaubensgemeinschaft des Ortes, die sich ab 1675 etablierte, war über Jahrhunderte hinweg eine der größten in der Region.

 

Steinerne Zeugen gegenseitiger Toleranz
   

Die fehlende Kirche auf dem Marktplatz ist also kein »Versehen«, sondern Konzept; in Friedrichstadt sollte keine Konfession den Vorrang haben.

Stattdessen sind diverse Gotteshäuser rund um das Stadtzentrum herum vertreten.

Die neogotische katholische Kirche »St. Knuth« etwa findet sich am Fürstenburggraben. Auffällig ist, dass St. Knuth keinen Kirchturm hat.

Daran zeigt sich, dass die Freiheit in Glaubensfragen manchmal durchaus mit Kompromissen und ersichtlichen Abstrichen verbunden ist: Zwar gab Friedrich III. den Katholiken 1625 das Niederlassungsrecht in Friedrichstadt (vor allem, um die katholischen Spanier freundlich zu stimmen, mit denen er ja dringend Handel treiben wollte) – doch er gewährte ihnen nur eine eingeschränkte Religionsfreiheit, die beispielsweise den Verzicht auf einen hoch in den Himmel ragenden Turm oder auch das Abhalten öffentlicher Gottesdienste beinhaltete.

An der Kreuzung der Kirchen- und der Prinzeßstraße steht die einzige Remonstrantenkirche außerhalb der Niederlande.

Die Remonstrantenkirche hat zwar einen Turm, doch der neigt sich uns ziemlich schräg entgegen. Anders als die bewusst sparsam gehaltene, altar- und bilderlose Ausstattung des Innenraumes hat das jedoch keine liturgische Bedeutung, sondern hängt schlicht damit zusammen, dass der steinerne, 1852–1854 in spätklassizistischem Stil errichtete Neubau des Gotteshauses auf den Fundamenten der ursprünglich hölzernen Kirche allmählich absackt.

Davon unbenommen aber werden hier bis heute jeden Monat von einem eigens aus den Niederlanden angereisten Pastoren Gottesdienste abgehalten.
   

Am Mittelburggraben liegen sich dann die evangelisch-lutherische »St.-Christophorus«-Kirche und der leuchtend weiße Betsaal der Mennoniten gegenüber. 

St. Christophorus erhielt seinen Namen erst 1989 – und zwar zu Ehren der nach Friedrichstadt reisenden Touristen, die gegenwärtig ja die Haupteinnahmequelle der Stadt darstellen.

Die niederländischen Vorbildern entsprechende Saalkirche wurde 1649 vollendet, der Westturm entstand 1657 und wurde 1762 durch eine barocke Turmhaube gekrönt.

Der Gemeindesaal von St. Christophorus steht heute auch den noch rund 150 [Stand 2011] Friedrichstädter Katholiken offen.

Im Betsaal der Mennoniten dagegen begehen heute noch rund 30 Gläubige [2011] dreimal jährlich ihren Gottesdienst. Zweckmäßiger Weise wird die Kirche seit Ende des zweiten Weltkriegs gemeinsam mit der kleinen dänisch-lutherischen Gemeinde Friedrichstadts genutzt.

Die Mennonitenkirche geht so fließend in das Stadtmuseum »Alte Münze« über, dass man von dort einen Blick in den Betsaal werfen kann.

Das Museum dokumentiert die multireligiöse Prägung der Stadt von der Gründung bis heute. In der Ausstellung erfahren wir unter anderem, dass die konfessionsübergreifende Nutzung vorhandener Räumlichkeiten auch früher schon konsequent gelebt wurde: 1929 wurde im Keller des Gemeindehauses der Remonstranten eine Mikwe, also ein rituelles jüdisches Reinigungsbad eingerichtet.
   

Die einstige Synagoge in der Westermarktstraße aber fiel 1938 dem Terror der nationalsozialistischen Reichspogromnacht zum Opfer. Die Westfassade wurde inzwischen wieder in den Zustand von vor 1938 zurückversetzt. Nord- und Südfassade aber erinnern eher an ein Wohnhaus, als das das Gotteshaus ab 1941 auch missbraucht wurde. Heute dient das Gebäude als Kultur- und Gedenkstätte. Es beherbergt eine Ausstellung über die Geschichte der jüdischen Gemeinde, die seit der Zeit des Nationalsozialismus vollständig aus Friedrichstadt verschwunden ist.
   


'N beten scheev hett Gott leev!
   

Doch nicht nur vom religiösen, sondern auch vom geschäftlichen Alltagsleben im alten Friedrichstadt legen die hiesigen Bauwerke ein beredtes Zeugnis ab.

In Friedrichstadts Flaniermeile, der Prinzenstraße, steht das älteste Geschäftshaus der Stadt. Der weiße Doppelgiebelbau wurde 1624 errichtet – und zwar absichtlich etwas schief, damit die Waren, die an Winden in das oben im Giebel befindliche Lager gezogen wurden, das Gebäude nicht beschädigen konnten.

Gleich gegenüber beeindruckt das »Paludanushaus« mit seiner kunstvoll geschnitzten Tür im Rokoko-Stil. Internere Einblicke in die holländische Wohnkultur gewährt das 1621-1630 erbaute »Neberhaus« am Mittelburggraben, in dem es unter anderem die aufwändig getäfelte Regentenkammer zu besichtigen gibt.

Auch im Detail lädt Friedrichstadt zu spannenden Entdeckungsreisen ein: An vielen Häusergiebeln der Altstadt sind sogenannte »Gevelstene« beziehungsweise Hausmarken zu sehen, symbolische Bildzeichen der darin wohnenden Familien, die früher statt der heute üblichen Hausnummern verwendet wurden. Für welchen Namen oder Berufe die als farbige Reliefs gefassten Vögel, Weinkelche, Mühlen, Seerosen, Sterne oder Holzschuhe wohl stehen? Ein interessantes Ratespiel! Doch ist hier nicht alles so historisch, wie es scheint: Moderne Friedrichstädter schmücken ihr Haus heute noch gern mit einer neuen Marke.

Die Häuser aus der Gründerzeit wurden mit aus den Niederlanden eingeführten Materialien erbaut. Neben den typischen Backsteinen, den holländischen »Moppen«, brachten Friedrichs Siedler auch fertige Sandsteingiebel, Kaminpfeiler, Kacheln und sogar Bretter aus ihrer Heimat mit. Unterstützt von Fördergeldern konnte die Architektur der Grachtenstadt bis heute dem Verfall trotzen.

Seit 1988 hat Friedrichstadt den Status eines Stadtdenkmals. Das bedeutet: Nicht nur die Gebäude, sondern auch der Grundriss der planmäßig wie ein Schachbrett in rechteckige Parzellen gliederten Altstadt und die Pflasterung der Straßen und Plätze stehen unter Denkmalschutz. In diesem Gesamtkunstwerk dürfen sich seither nicht einmal die Kartenhäuschen der Grachtenschiffer eine stilwidrige Bausünde erlauben!

 

Wie lebt es sich in einem Stadtdenkmal?
   

Von Mai bis September herrscht in Friedrichstadt ein gewisser Ausnahmezustand: Nicht nur, dass – außer bei regenbedingtem Hochwasser – ständig Barkassen mit Touristen an den wunderschönen privaten Wassergrundstücken vorbeifahren … nein, täglich in der Mittagszeit tritt zudem auch ein Trupp interessierter Besucher seinen Rundgang durch den historischen Stadtkern an. Begleitet von freundlichen, stilecht in Holländertracht gekleideten Fremdenführern erkundet man nicht nur die Remonstrantenkirche und das Pumpenhäuschen auf dem Marktplatz, sondern auch so manches architektonische Schmuckstück in den abgelegeneren Gässchen der Altstadt.

Den Bewohnern dieser Schmuckstücke kann es da schon passieren, dass ihnen die faszinierte Reisegruppe den Zugang zur eigenen Haustür verstellt oder ihr Auto rundherum »einparkt«.

Solche kurzfristigen Störungen im Alltagstrott nehmen die Friedrichstädter jedoch mit Gelassenheit. Allem Tourismustrubel zum Trotz bestimmt eine fast dörfliche Gemütlichkeit das Miteinander. Gern steht man in der offenen Haustür und plaudert mit dem Nachbarn.

Oder man nutzt zu diesem Zweck eine »Klönbank«, wie sie überall auf den schmalen, mit Rosen bepflanzten Bürgersteigen bereitsteht. Eine sehr praktische Variante, die Klönbank zum Einklappen, wie es sie früher an fast jedem Häuschen gab, ist heute noch in der Lohgerberstraße zu sehen.

In den Wintermonaten aber bleiben die rund 2500 Einwohner unter sich – und leben nach wie vor den gegenseitigen Respekt vor dem Weltbild anderer Menschen. Die fünf Friedrichstädter Religionsgemeinschaften – Remonstranten, Lutheraner, Mennoniten, Katholiken und dänische Lutheraner – teilen nicht nur Kirchengebäude und Friedhöfe miteinander, sondern kommen oft auch zu ökumenischen Gottesdiensten zusammen.
   


Vielen Dank für Ihr Interesse!

Der Text, den Sie gerade gelesen haben, wurde ursprünglich im Auftrag der Kieler Werbeagentur WortBildTon GmbH verfasst und als Titelstory im mein coop magazin/Ausgabe April 2012 veröffentlicht. Im Januar 2019 entstand die inhaltlich sowie durch eigene Fotos (aus dem Jahr 2017) ergänzte Fassung oben.

Ich widme dieses Special meinen beiden lieben Freudinnen Dagmar und Netti, bei denen ich nahe Friedrichstadt schon viele fröhliche Stunden verbracht habe!