Redensarten: Tierisch treffsicher!

Was steckt hinter all den Redenswendungen, in denen unsere tierischen Verwandten vorkommen? Längst nicht immer das, was wir vermuten …
   

Hund, Katze, Maus, Schwein, Bock und Hase, schräge Vögel in voller Federpracht, oder auch Affe und Löwe – dazu gibt es sprichwörtlich viel zu sagen!

   

Schräge Vögel
   

Wir alle wissen: »Der frühe Vogel fängt den Wurm«, und »der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach«. Wer aber »Eulen nach Athen trägt«, der ist schon »ein recht komischer Kauz«! Wahrscheinlich »hat er einen Vogel«?

Wenn wir jemandem »einen Vogel zeigen«, uns also selbst mit dem Zeigefinger an die Stirn tippen, dann sagen wir ihm ganz wortlos: »Du bist ja nicht recht bei Verstand, du spinnst, kurz: Du hast einen Vogel!« Oder zumindest »eine Meise«. Oder auch: »Bei dir piept's wohl!«

All diese beliebten Schmähgesten und -worte gehen auf den alten Volksglauben zurück, dass Geisteskrankheiten dadurch entstehen, dass sich kleine Tiere – wie zum Beispiel Vögel – im Kopf eingenistet haben. Heute unterstellen wir mit verbalen oder nonverbalen »Autofahrergrüßen« zwar keine echte, klinisch nachweisbare geistige Störung mehr; doch aus der Reihe des Üblichen tanzende Sonderlinge, die wir auch »schräge Vögel« oder »komische Käuze« nennen, bleiben schon irgendwie suspekt …

Eulen im Überfluss

Im antiken Athen dagegen genossen speziell Nachtvögel besonderen Respekt: Eulen (beziehungsweise Steinkäuze) galten als besonders klug, weil sie auch im Dunkeln sehen können. In diesem Sinne waren sie die Symboltiere der altgriechischen Göttin der Weisheit und Schutzpatronin der Stadt, Pallas Athene, und wurden ihr zu Ehren auf die Rückseiten der ortseigenen Münzen geprägt.

In Athen gab es damals also herausragend viele »Eulen« in den Kassen, und deshalb konnte der Dichter Aristophanes um 400 v. Chr. die Idee, »Eulen nach zu Athen tragen«, in seiner satirischen Komödie Die Vögel so gut als Inbegriff eines aufwendigen, aber völlig überflüssigen und sinnlosen Tuns etablieren.

(Modernere Varianten desselben Themas sind übrigens: »Holz in den Wald tragen«, »Bäckerkindern Stullen schenken« oder, speziell in Norddeutschland, »Torf ins Moor« beziehungsweise »Water in de See dragen«.) 

Pfau weia!

Wer »sich mit fremden Federn schmückt«, muss oft schmerzhaft »Federn lassen«. Das wissen nicht nur »Federfuchser«, sondern auch Lateinschüler, die im Unterricht die Fabel Graculus superbus et pavo (Die stolze Krähe und der Pfau) des römischen Dichters Phaedrus (ca. 20 v. Chr. bis 51 n. Chr.), übersetzen müssen: Es war einmal eine wenig attraktive Krähe, erzählt Phaedrus, die sammelte eifrig die schön schillernden Federn ein, die ein Pfau verloren hatte. Damit schmückte sie dann ihr eigenes Gefieder. Stolz stolzierte sie so umher, verachtete fortan ihre Artgenossen und mischte sich stattdessen lieber unter das noble Pfauenvolk. Die Pfauen aber erkannten den Bluff und rissen dem Möchtegern-Emporkömmling empört die Federn aus (wahrscheinlich nicht nur die falschen, sondern auch viele eigene). Übel zerrupft kehrte die Krähe zu Ihresgleichen zurück. Doch auch die Verwandtschaft wollte nun nichts mehr mit ihr zu tun haben und beschimpfte sie für ihren Hochmut.

Federführend ausgefuchst

Zu den Helden der Tierfabeln gehört auch Reineke, der Fuchs. Der weiß und kann zwar allerlei, doch das »Federfuchsen« hat er nicht erfunden.

Das ist vielmehr ein Verdienst derer, die früher in Amtsstuben oder Dichterkämmerlein die (Schreib-)Feder »quälten« – und sich dabei oftmals in Nebensächlichkeiten verzettelten. Denn »fuchsen« im Sinne von »ärgern« kommt nicht von »Fuchs«, sondern von dem regional gebräuchlichen Wort »fucken«, das »unruhig hin und her fahren« bedeutet.

Schreiberlinge sollten also »nicht so viel Federlesens« machen und gleich zur Sache kommen, statt ihren Lesern unnötige Umstände zu bereiten! Oder? Das »lesen« in dieser Wendung hat nichts mit Büchern zu tun. Gemeint ist hier vielmehr (ähnlich wie bei der Weinlese): absammeln, sorgfältig abzupfen. Genau das nämlich taten kriecherische Schmeichler aus dem Volk früher mit Federn und anderen kleinen Schmuddeleien von der Straße, die auf die Gewänder der hohen Herrschaften geweht waren. Federleser wurden zwar (unter anderem von Martin Luther) allgemein verachtet – doch vielleicht hätte die Krähe sich so ja viel besser bei den Pfauen beliebt machen können.

   

Alles für die Katz!
   

Die Sprichwörter und Fabeln, die sich um den stolzen Löwen, den König der Tiere ranken, habe ich Ihnen ja bereits in einem Beitrag aus dem Jahr 2013 vorgestellt. Viel Stoff für anschauliche Sprüche und Begriffe gibt uns aber auch der kleinere Verwandte des Löwen, der beliebte »Stubentiger«. Er rechtfertigt zum Beispiel schlechte Angewohnheiten, denn »die Katze lässt das Mausen nicht«.

Doch »wenn die Katze aus dem Haus ist, tanzen die Mäuse auf dem Tisch«; genau wie Kinder oder Untergebene, die ohne Aufsicht wagen, was sie sich sonst nie trauen würden. Und was macht die Katze derweil?

Die Kneipenkatze

Vielleicht geht sie in ein Restaurant, wo sie dann ebenso begehrlich wie unentschlossen die Speisekarte studiert, also »wie die Katze um den heißen Brei herumschleicht«.

Dabei sitzt sie natürlich am »Katzentisch«. Was heute metaphorisch schlechte, zugige oder direkt bei der Toilettentür gelegene Plätze in einer Gaststätte oder den Kindertisch auf der Familienfeier bezeichnet, das gab es früher wirklich: Schon in der Antike und dann vor allem zur Zeit des französischen Hochadels wurden die Hauskatzen der feineren Gesellschaft tatsächlich nicht nur auf dem Fußboden, sondern auch an eigenen kleinen Tischchen mit kurzen Beinen gefüttert.

Nach dem Essen treffen wir die Katze dann vielleicht rasant tanzbeinschwingend in einem angesagten Club an, in dem es »abgeht wie Schmidts Katze« – also hoch her. Diese Wendung ist, so munkelt man, auf Katzen zurückzuführen, die sich einst vor den Hammerschlägen des Schmieds erschreckten und flohen.

In Riesensätzen bewegt sich das Miniraubtier dabei naturgemäß jedoch nicht voran. Was »nur einen Katzensprung entfernt« ist, liegt also auf jeden Fall noch im Nahbereich.

Die Konzertkatze

Wir Menschen dagegen fliehen eher dann, wenn man unsere Ohren mit »Katzenmusik« quält, mit disharmonischen Darbietungen also, die ungefähr so nervig klingen wie das Quäken liebestoller Katzen.

Davon leitet sich auch der »Katzenjammer« ab, die Ernüchterung, die Gewissensbisse und die Reue nach euphorisch übersteigerten Hoffnungen – oft einhergehend damit, dass man nach übermäßigem Alkoholgenuss am Vorabend nun »einen Kater hat«. Für den aber kann man die Katzen wirklich nicht verantwortlich machen, denn der »Kater« hat seinen Ursprung wahrscheinlich in dem Wort »Katarrh«, mit dem sächsische Studenten im 19. Jahrhundert nicht nur Atemwegsentzündungen, sondern auch ein allgemeines Unwohlsein und später dann speziell das alkoholbedingte bezeichneten. (»Haarspitzenkatarrh« ist ja auch heute noch ein Alternativwort für »Kater« bzw. Kopfschmerzen.)

Die Kaufmannskatze

Keinesfalls aber sollte man »die Katze im Sack kaufen«, sich also auf Geschäfte einlassen, ohne die Ware vorher genau zu prüfen. Im Mittelalter wurden auf den Märkten auch lebendige Kleintiere verkauft, meist in Säcken verpackt, damit sie besser zu transportieren waren. Statt nahrhafter Kaninchen, Hasen oder Ferkel aber steckten hinterhältige Verkäufer manchmal streunende Straßenkatzen in den Sack – und diese Schandtat wurde erst dann offenbar, wenn der naive Kunde zuhause »die Katze aus dem Sack ließ«.

Die Kosmetikkatze

Etwas unfair ist es jedoch, flüchtige Körperpflege als »Katzenwäsche« zu bezeichnen. Katzen sind zwar tatsächlich ziemlich wasserscheu, doch stattdessen lecken sie fast den ganzen Tag lang an Fell und Pfoten herum, um sich zu reinigen. Eitelkeit dürfte hier jedoch nicht dahinterstecken, oder? Denn sicher wissen doch auch die Katzen selbst: »Bei Nacht sind alle Katzen grau«. Und in der Dunkelheit, in der weder das Schöne noch das Hässliche markant hervorsticht, da treffen sie sich ja am liebsten …

 

So ein Hundeleben!
   

Wir Menschen sind schon »hundsgemein«. Ausgerechnet unser liebstes Haustier ziehen wir heran, wenn wir nach richtig bösen Schimpfwörtern suchen; oder auch nach Sinnbildern für grenzenloses Elend …

Zumindest dann, wenn von Mensch zu Mensch beleidigt wird, wird das eigentlich doch für seine Treue und Geradlinigkeit bekannte Tier als »eiskalter, verlogener Lumpenhund« zum Inbegriff der Hinterhältigkeit. Und dem »dummen, dämlichen Hund«, mangelt es gerade an der Wachsamkeit und Aufmerksamkeit, durch die sich seine Gattung eigentlich doch auszeichnet.

Kiste, Karre oder Kandare?

Wenn jemand in üble materielle oder gesundheitliche Umstände gerät, dann fühlt er sich nicht nur »hundeelend«, sondern ist auch in den Augen der Welt »auf den Hund gekommen«. Zum Ursprung dieser Redensart (die scherzhaft auch auf frischgebackene Hundefreunde angewendet wird) gibt es verschiedene Theorien, die teilweise jedoch gar nichts mit den Vierbeinern zu tun haben. Es könnte sich nämlich ebensogut um einen Holzkasten auf Rädern handeln, wie er früher im Bergbau zum Transport von Kohle oder Erz verwendet wurde. Dieser Förderwagen wurde »Hunt« genannt und von Bergleuten geschoben oder gezogen, die nicht mehr stark genug waren, um unter Tage als Hauer zu arbeiten – oder die bei der Arbeit gepfuscht hatten. Wer aber »vor die Hunte gehen« musste, der erhielt deutlich weniger Lohn.

Echte Hunde kommen erst ins Spiel, wenn man »auf den Hund kommen« als eine direkte Fortsetzung des antiken Sprichworts »vom Pferd auf den Esel kommen« interpretiert, das den Verlust von Macht und Geld versinnbildlicht. Tatsächlich spannten arme Bauern oder Hausierer früher statt Pferden oder Eseln oft auch Hunde vor ihre Wagen; doch damit kamen sie immer noch besser voran als diejenigen, die ihre Ware selbst tragen oder ziehen mussten.

Oder geht es hier vielleicht nur um die Abbildung eines Hundes? In Zeiten, in denen man seine Habseligkeiten noch in Truhen oder Schatzkisten aufbewahrte, wurde der Boden dieser Kästen gern mit Schutzsymbolen verziert – zum Beispiel mit aufgemalten oder eingeschnitzten Wachhunden. Wer jedoch so viel Geld ausgegeben hatte, dass er das Bild am Boden der fast leeren Kasse sehen konnte, war ebenfalls ganz konkret »auf den Hund gekommen«. In Schwaben, wo man statt »unten« eh »hunden« sagt, braucht es derlei Bildchen gar nicht, um bis auf den Truhen- oder Kassenboden hin pleite zu gehen.

Grimmsche Gruseligkeiten

Im 1838 begonnenen Deutschen Wörterbuch der Märchengebrüder Grimm dagegen wird die Redewendung auf einen alten Rechtsbrauch zurückgeführt, bei dem verurteilte Missetäter zur Strafe öffentlich Hunde durch die Straßen tragen musste. Auch sollen Verbrecher früher zusammen mit Hunden gehenkt worden sein, um ihre Schmach noch zu erhöhen. Angst, bald gänzlich »vor die Hunde zu gehen«, hat aber auch krankes, schwaches Wild, das den Jagdhunden eine leichte Beute ist. Und welche Deutung stimmt nun? Man weiß es nicht. Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt!

   

Schwein gehabt!
   

Wenn es bei jemandem zuhause »wie in einem Saustall aussieht« und er sich obendrein bei Tisch »wie ein Schwein benimmt« – dann folgt er tatsächlich ganz konsequent dem Vorbild unserer rosa Nutztiere. Doch Schweine können naturgemäß weder lesen noch telefonieren.

In der Welt der Redensarten tun sie es trotzdem, denn hier werden »Schwein«, »Sau« oder »Du Ferkel!« seit jeher gern alternativ für den (gemeinten) Menschen verwendet. In diesem Sinne: »Kein Schwein ruft mich an, keine Sau interessiert sich für mich …« Hier wurde ein larmoyanter Song zum geflügelten Wort, der zwar täuschend echt nach den Comedian Harmonists der 1920er-Jahre klingt, tatsächlich aber erst 1994 von Max Raabe und dem Palast Orchester kreiert und durch die Filmkomödie Der bewegte Mann bekannt wurde. 

Sauglücklich …

Die seit 1800 belegte Wendung »Schwein gehabt« für »unverdient Glück gehabt« dagegen ist wieder einmal eine Redensart, zu deren Herkunft es mehrere Theorien gibt.

Nur die erste Herleitung hat tatsächlich mit den leibhaftigen Schnitzellieferanten im Stall zu tun. Ein Schwein wurde früher bei Schützenfesten und anderen sportlichen Wettkämpfen nämlich als Trostpreis an den »letzten Sieger« verschenkt – obwohl der sich das durch seine Leistung am allerwenigsten verdient hatte.

Oder ist das mit mehr Glück als Verstand erworbene Schwein vielleicht nur aus Papier? Auf der höchsten Karte eines deutschen Kartenspiels des 16. Jahrhunderts, dem Schellen-Ass oder -Daus (ja, genau, daher auch »Ei der Daus!«) nämlich war ein Schwein abgebildet; und diesen Trumpf bekam man nicht durch kluge Strategie, sondern nur durch pures Glück auf die Hand.

Die hochgebildete Familie Swyn

Lesen aber können weder auf Spielkarten gezeichnete noch echte Schweine. Und daher ist die Wendung »Das kann doch kein Schwein lesen!« zunächst eine ausgesprochen sinnfreie Bemerkung. Vor einigen Jahrhunderten aber konnten zudem auch die Schweinehirten, die Bauern und andere einfache Leute meistens nichts mit Buchstaben anfangen. Wenn sie wichtige Briefe oder andere Schriftstücke erhielten, baten sie daher entsprechend Gelehrte, ihnen den Text vorzulesen. Zu diesen belesenen Kreisen gehörte auch eine norddeutsche Familie namens Swyn. Doch sogar deren Sprachkundigkeit stieß an ihre Grenzen, wenn sie auf ein vollkommen unentzifferbares Handschriftengekrakel traf. Sie mussten passen: »Dat kann keen Swyn lesen!« Da »Swyn« aber nicht nur ein Familienname, sondern auch das plattdeutsche Wort für »Schwein« ist, wurden die Swyns bei der Übersetzung des Ausspruchs ins Hochdeutsche kurzerhand in ein Schwein verwandelt.

   

Null Bock auf Bockmist!
   

Dass es nicht sonderlich klug ist, einen (Ziegen-)»Bock zum Gärtner zu machen«, leuchtet jedem ein; denn der wird die Blumenpracht garantiert eher radikal wegfressen, statt sie zu hegen und zu pflegen!

Doch warum sagt man »Ich habe einen Bock geschossen!«, wenn man einen Fehler gemacht hat? Ein Jäger ist doch eher stolz, wenn er einen kapitalen (Reh-)Bock erlegt hat? Ja, schon, doch auf Schützenfesten war es früher üblich, Fehlschüsse als »Bock« zu bezeichnen – und dem schlechtesten Schützen von allen (statt dem eben angesprochenen Schwein) auch mal einen (Ziegen!-)Bock zu schenken. Aus derselben Quelle sprudeln dann auch »etwas verbocken« oder – derber – »Bockmist bauen«; beziehungsweise reden.

Lust und Sünde …

Das erst seit den 1970er-Jahren verbreitete »Da habe ich Bock (= Lust) ´drauf!« dagegen ist eine Kreation der damaligen Jugendsprache, inspiriert wohl ausgerechnet von den triebhaften »alten Böcken«, von denen man sich sprachlich damit ja eigentlich abgrenzen wollte. Doch sind junge Triebe wirklich so viel besser als die Triebe der Älteren?

Definitiv alt ist jedenfalls der »Sündenbock«. Schon im 3. Buch Mose (Kapitel 16) finden sich genaue Anweisungen, wie der Hohepriester Aaron einen Ziegenbock mit den Sünden des ganzen Volks beladen und diesen dann in die Wüste jagen soll, um Gott zu versöhnen. Die Vorstellung, dass sich die eigene Schuld auf andere Lebewesen übertragen lässt, war damals wahrscheinlich auch in anderen Religionen verbreitet – und wird bis heute auch von Mensch zu Mensch immer mal wieder versucht.

Das Horn, das Hemd – oder der Klee?

Eines der großen ungelösten Rätsel der Sprachwissenschaft ist der Ursprung der Wendung »Lass' dich nicht ins Bockshorn jagen!«, mit der wir andere ermutigen, sich nicht auf eine falsche Fährte locken, verunsichern, verwirren oder einschüchtern zu lassen.

Natürlich würde man sich sehr in die Enge getrieben fühlen, wenn man in ein spitz zulaufendes Tierhorn gestopft würde; doch das ist praktisch gesehen gar nicht möglich. Stand dann vielleicht die Vorstellung Pate, dass jemand auf das gefährliche Gehörn eines Reh-, Stein- oder Ziegenbocks zu gejagt wird?

Schlichte Wortverdrehung ist jedoch ebenfalls denkbar. So gebrauchte man früher aus religiösem Respekt das Wort »Gott« keinesfalls in Flüchen, sondern sagte stattdessen zum Beispiel »Box« – um einander dann den ja sehr ähnlich klingenden »Box' Zorn« an den Hals zu wünschen. Oder auch: Einander gegenseitig zum Teufel – denn der ist ja für sein Bocksgehörn bekannt!

In der weltlichen Justiz dagegen war es einst üblich (beim bayrischen Volksjustizverfahren Haberfeldtreiben sogar bis ins 19. Jahrhundert hinein), den Angeklagten peinlicherweise in ein Ziegenfellhemd zu zwängen, das »bokkes hamo« genannt wurde – klingt irgendwie auch verwandt, oder?

Die Ecke, in die freche Schüler in Schwaben früher gestellt wurden, hieß »Bocksstall«. Nun, von der Form her ähneln Ecken schon einem Horn.

Doch vielleicht warnte das Ursprichwort ja auch davor, sich in den Bockshornklee treiben zu lassen, der ziemlich unangenehm riecht … was meinen Sie?

   

Gestatten? Mein Name ist Hase
   

Ein Hase weiß angeblich ja von nichts. Auch nicht, wie er selber läuft? Doch warum nennt man ihn dann »Meister Lampe«? Demnach hat er ja wohl doch ein helles Köpfchen! Na ja, auf jeden Fall sind seine Füße sehr bekannt ...

Kleine Erleuchtungen

Im Volksmund wird die wohl populärste Symbolfigur des Osterfestes, der Hase, auch »Meister Lampe« genannt. Das hat jedoch nichts mit der Lichtquelle zu tun, sondern ist schlicht eine Abkürzung des alten männlichen Vornamens Lamprecht, den der Mümmelmann in mittelalterlichen Fabelsammlungen rund um Reinhard, den schlauen Fuchs, trug. Doch »Lampe« passt zugleich auch gut zu dem weißen Schwanz, der Blume, die man aufleuchten sieht, wenn ein Hase davonhoppelt.

Auch bei der Wendung »er ergreift das Hasenpanier«, wenn jemand fortläuft oder flüchtet, stand dieses »Banner« Pate – Meister Lampe schwenkt hier also seine natürliche hintere Heeresfahne.

Wie läuft er denn?

Schleunigst verschwinden, sobald Gefahr droht – das machte den Hasen zum sprichwörtlichen Stellvertreter aller Feiglinge, denen ja gern unterstellt wird, dass sie »ein Hasenherz haben« beziehungsweise ein »Angsthase« oder »Hasenfuß« sind. Aber was soll ein so oft von Jägern und Hunden gehetztes Tier sonst auch machen? Wer »weiß, wie der Hase läuft« (nämlich Haken schlagend im Zickzack), der kennt sich aus und bringt es zu Jagderfolgen aller Art. »Alte Hasen« sind hier ganz besonders kompetent – auf der Flucht wie als Verfolger.

Doch es gibt noch eine andere Möglichkeit, die Beute zu erwischen: Man schaut ganz einfach, »wo der Hase im Pfeffer liegt«. Dort nämlich, wo sich die runden Hasenkötel wie Pfefferkörner häufen, wird man ihn in seinem Bau aufstöbern. Und damit finden, was man sucht – beziehungsweise einen entscheidenden Fehler (des Hasen!) aufdecken. So jedenfalls lautet eine verbreitete Deutung dieser Redewendung, deren Herkunft laut Duden jedoch als dunkel gilt. Eine andere Interpretation versteht diesen Satz eher in dem Sinne, dass es nun für alles zu spät ist. Denn wenn der Hase tatsächlich mitten im Pfeffer liegt, dann serviert man ihn bereits als Braten – zubereitet in einer würzigen Soße, die früher »Pfeffer« genannt wurde.

Der falsche Hase

Wenn uns ein Hase metaphorisch auf der Zunge zergeht, handelt es sich jedoch nicht immer um einen hoppelnden Vierbeiner. Der Spruch »Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts.« zum Beispiel ist zweibeinigen Ursprungs. Mit diesem Satz nämlich (der vollständig übrigens lautet: »Mein Name ist Hase, ich verneine die Generalfragen, ich weiß von nichts«) reagierte der Jurastudent Victor von Hase Mitte des 19. Jahrhunderts bei einem Gerichtsprozess in Heidelberg auf die Anschuldigung, er habe einem Freund zur Flucht verholfen, nachdem dieser bei einem Duell einen Kommilitonen erschossen hatte. Ob Herr Hase wirklich nichts mit der Sache zu tun hatte? Er sagte jedenfalls, er hätte lediglich seinen Studienausweis ver-loren, mit dem sein Freund dann über die Grenze nach Frank-reich gelangen konnte …

   

So eine Maulaffenschande!
   

Von der putzigen kleinen Meerkatze bis hin zum Orang-Utan kennen wir die verschiedensten Affenarten. Doch haben Sie schon einmal echte »Maulaffen« gesehen? Wahrscheinlich nicht. Dabei müssten die eigentlich ja recht verbreitet sein – so oft, wie man sagt, dass jemand »Maulaffen feilhält«!

Licht

Wenn es im Mittelalter abends dunkel wurde, wurden die Häuser mit brennenden Kienspänen beleuchtet, die in einen Halter aus Ton gesteckt wurden. Gern modellierte man diese Halter als Nachbildung des menschlichen Gesichts, dem man den Kienspan dann keck in den leicht geöffneten Mund stecken konnte. Im Österreich des 13. Jahrhunderts waren solche Spanhalter unter dem Namen »Maulauf« bekannt. Und wenn ein Händler auf dem Markt eine größere Menge dieser Tonköpfe »feilhielt« (also zum Verkauf anbot), dann sah das ganz so aus wie eine Gruppe sensationslüsterner Menschen, die mit offenem Mund stehen bleiben, wo es etwas zu gaffen gibt.

Lasterhaftes

Auf niederdeutsch gesagt, hatte der mittelalterliche Lampenhalter also »dat mul apen«. Dem Umstand, dass das plattdeutsche Wort für offen (also »apen«) genauso klingt wie das plattdeutsche Wort für Affen (= »Apen«), verdanken unsere nächsten Verwandten in der Tierwelt die fiktive Gattung der »Maulaffen«, aber auch die völlig zu Unrecht nach ihnen benannte »Affenschande«. Damit nämlich war ursprünglich eine »apenbore«, also eine offenbare, für jeden ersichtliche Schande gemeint, für die meist eher Menschen als Affen verantwortlich waren.

Lauselümmel

»Ich glaub, mich laust der Affe!« Wer das sagt, ist zwar offenkundig unangenehm überrascht; doch diesmal hat die Redewendung tatsächlich mit echten Affen zu tun. Nämlich mit den kleinen Begleitern der Schausteller auf dem Jahrmarkt, die gern urplötzlich vom Leierkasten auf den Kopf eines Passanten sprangen und diesem dann ganz wie einem Artgenossen auf dem Kopf herumzupften, um ihn von Schädlingen zu befreien.

Lackaffe

Die (an menschlichen Maßstäben gemessen) oft allzu unkontrollierten und spontanen Verhaltensweisen der Primaten stecken auch dahinter, wenn wir vom »Affenzirkus« sprechen oder meinen, jemand führe sich auf wie »vom wilden Affen gebissen«. Das kommt davon, wenn man »seinem Affen Zucker gibt«, denn diese Leckerei steigerte nach früherer Vorstellung die Selbstverliebtheit dieser Tiere, die ohnehin schon als sehr eitel galten, also echte »Lackaffen« waren.

Ob »alberner Affe«, »blöder Affe« oder »eingebildeter Affe« – kaum ein Tier können wir so leicht als negatives Spiegelbild für menschliche Schwächen heranziehen wie unsere engsten Verwandten im Tierreich. Doch ist die elterliche »Affenliebe« wirklich so übertrieben, wie ihr gern unterstellt wird?
   


Vielen Dank für Ihr Interesse! In diesem Special habe ich für Sie verschiedene in den Jahren 2008-2014 (im Auftrag der Kieler Werbeagentur WortBildTon) für das mein-coop-Magazin entstandene Beiträge zum Thema »die Tierwelt in bekannten Redenwendungen« neu zusammengestellt und mit eigenen Illustrationen interpretiert. Der Beitrag entstand im Mai 2019.