Böllern, Blei gießen, bannen und beschwören ...

Silvester ist ein Fest mit vielen Möglichkeiten. Probieren Sie doch mal etwas Neues aus!

Kaum liegt das große Familientreffen rund um die Weihnachtsgans hinter uns, da steht auch schon der nächste markante Termin im Kalender: Nun will Silvester gefeiert werden – feuchtfröhlich oder eher besinnlich? Ganz wie Sie mögen!

Ob man nun im Kreise der Familie fürstlich speist und Blei gießt, zur großen Silvesterparty am Brandenburger Tor nach Berlin reist, sich in Gala auf einem Silvesterball verlustiert oder einfach nur ab "Dinner for One" vom heute besonders launigen Fernsehprogramm unterhalten lässt – ein besonderer Tag ist der 31. Dezember so oder so.

Untergründig rumort in uns hier und da schon das Gefühl, dass es mit der Silvesternacht etwas sehr, sehr Geheimnisvolles auf sich hat. Tatsächlich glaubten die Menschen seit alters her, dass auf der Schwelle zwischen den Jahren auch die kleinsten Handlungen enorm große Wirkungen haben können. Daraus entstanden im Laufe der Zeit viele mehr oder weniger kuriose Neujahrsbräuche; Orakelspiele ebenso wie raffinierte Tricks, zukünftiges Glück herbeizulocken. Vielleicht haben Sie Lust, das eine oder andere davon selbst einmal auszuprobieren?
   

Jetzt kracht's aber!
   

Der letzte Tag des Jahres ist nach dem Tagesheiligen, dem Papst Silvester I. benannt, der am 31. Dezember 335 verstorben ist. Die Kirche würdigt den Silvestertag mit rückbesinnlichen Gottesdiensten, und um Mitternacht läuten die Kirchenglocken das neue Jahr ein. Doch manchmal sind die Glocken vor lauter China-Böllern und Tornado-Raketen kaum noch zu hören ...

Gerade wir Deutschen, aber auch die Schweden lieben die bunte Knallerei gar sehr. Schließlich veranstalteten schon unsere Ahnen, die Germanen, um die Zeit der Wintersonnenwende herum allerlei Krawall.

Damals machte man sich allerdings noch mit Rasseln, Peitschen und Dreschflegeln daran, die bösen Geister zu vertreiben, die, dem Volksglauben nach, gerade in der dunkelsten Zeit des Jahres zuhauf unterwegs waren. Im Mittelalter kamen Kirchengeläut, Pauken und Trompeten hinzu, und in Westfalen wurde früher auch gern ins neue Jahr gehämmert. Mit der Verbreitung des Schwarzpulvers knallten dann lautstarke Böller und Gewehrschüsse, und heute machen auch farbenprächtige Raketen den Geistern ordentlich Feuer unterm Hintern. Jahr für Jahr werden so frohgemut Millionenbeträge in den Silvesterhimmel gepulvert.

Selber zündeln ist in anderen Ländern jedoch längst nicht so verbreitet wie bei uns. In Großbritannien etwa bevorzugt man das große, öffentlich organisierte Feuerwerk, wie es zum Beispiel beim Riesenrad London Eye veranstaltet wird – und zwar als Laser-Show, ganz ohne Raketen. Einige Stunden später geht es dann am New Yorker Times Square weiter – mit einem gigantischen Feuerwerk rund um den leuchtenden Waterford Kristall.

In Österreich könnte man vielleicht auf die Knallerei verzichten – aber keinesfalls darauf, zu den Klängen des Strauss'schen Donauwalzers ins neue Jahr zu tanzen! Dafür wechseln sogar die trendigsten Clubs gleich nach Mitternacht kurzfristig das Musikprogramm.

In Frankreich dagegen hat man in der Silvesternacht lieber seine Ruhe – um in selbiger kulinarische Köstlichkeiten zu genießen.
   

Weg mit den bösen Geistern des alten Jahres!
   

Auch das Knallen der Sektkorken und das helle Klirren der Gläser beim gemeinsamen Anstoßen auf das neue Jahr sollte ursprünglich einmal böse Geister vertreiben.

Was verbirgt sich hinter der ganzen silvesterlichen Spukvertreiberei? Eigentlich doch nur der Wunsch, allen Ärger oder Kummer des vergangenen Jahres demonstrativ hinter sich zu lassen, um frei und offen in das neue zu gehen. Und das kann man auch kostengünstiger, nützlicher und gesünder haben: Wie wäre es zum Beispiel mit einem energischen Hausputz am Silvestertag, oder mit einem Saunabesuch, um ganz bewusst alles auszuschwitzen, was einen am alten Jahr geärgert hat?
   

Orakel, Orakel – was bringt das neue Jahr?
   

Wenn man mit den Geistern (und den trüben Gedanken) des alten Jahres dann soweit ins Reine gekommen ist, will man natürlich gern wissen, wie es weitergeht.

Beim heute verbreitetsten Silvester-Orakel, dem Bleigießen, schmilzt zunächst einmal sehr anschaulich alles Schwere und Belastende dahin, das man im alten Jahr zurücklassen möchte. Und wie geht es jetzt weiter? Das geschmolzene Blei wird in ein Gefäß mit kaltem Wasser gegossen, in dem es sich schnell wieder in neuer Form verhärtet. Und diese Form zeigt dann, was im neuen Jahr so zu erwarten steht. Doch was bedeutet sie? Die Hinweise auf der Verpackung des Bleigießsets sind meist nicht allzu ergiebig. Daher ist bei der Deutung des persönlichen Klümpchens Zukunft viel Fantasie und Intuition gefragt. Oft hilft es hier, die Figur ins Kerzenlicht zu halten und den Schattenriss als Hinweis zu nehmen.

Da Blei ein giftiges Schwermetall ist, stehen viele Eltern diesem Orakelspaß jedoch eher skeptisch gegenüber. Tatsächlich muss man bei kleinen Kinder unbedingt aufpassen, dass sie sich ihre Prophezeiung für das neue Jahr nicht flugs in den Mund stecken. Eine gute Alternative ist es daher, statt des Bleis heißes, flüssiges Wachs zu verwenden, das in kaltem Wasser ebenfalls zu bizarren Figuren erstarrt.

Oder man orakelt nach dem alten Brauch des "Glücksgreifens". Hierfür werden schon vorab kleine symbolische Figuren – wie Ring, Wiege, Herz, (Erfolgs)leiter, Geldstück oder auch Totenkopf – aus Brotteig hergestellt, die man dann unter Bechern verbirgt und verschiebt oder mit verbundenen Augen auswählt. Man kann die gezogenen Symbole auch nach ihrer Reihenfolge interpretieren (etwa: kommt der Ring vor der Wiege oder erst danach?) – oder nur das als verbindlich ansehen, was sich durch dreimalige Ziehung selbst bestätigt.

Ein beliebter Silvesterbrauch war früher auch das "Bibelstechen", bei dem man die Bibel seitlich mit dem Daumen öffnet und dann blind auf eine Textstelle zeigt. Diese verrät dann, was das neue Jahr bringen wird.

Wie es im neuen Jahr um die Liebe steht, ist ganz leicht ermittelt: Man braucht dazu einfach nur einen Schuh rückwärts über die Schulter zu werfen. Wenn die Schuhspitze zur Tür zeigt, steht eine glückliche Beziehung ins Haus.

Wer sich dagegen mehr für das Wetter im neuen Jahr interessiert, befragt am besten das Zwiebelorakel: In zwölf Zwiebelschalen, die für die Monate stehen, wird Salz gestreut. Das Wetter jeden Monats erkennt man dann daran, ob das Salz in dessen Schale trocken bleibt oder nass wird.

Sehr silvestertauglich sind natürlich auch alle anderen Weissagungsmethoden – wie zum Beispiel Pendeln, Tarotkarten, Runensteine oder I Ging-Stäbchen.

Holen Sie heute doch mal wieder die Kristallkugel aus dem Schrank ...
   

Locken Sie das Glück herbei!

Wenn Ihnen das Silvester-Orakel partout nichts Gutes verheißen will, dann brauchen Sie trotzdem nicht zu verzweifeln. Das lässt sich nämlich ganz einfach korrigieren: Mit einer einzigen Drehung um die eigene Achse herum bewirken Sie dem Volksglauben nach nämlich, dass sich ein böses Vorzeichen in ein gutes verwandelt.

Auch traditionelle Bräuche rund um das Silvesteressen verfolgen ziemlich oft das Ziel, die Zukunft etwas auszutricksen. Das funktioniert ganz einfach nach dem Prinzip "Wie der Anfang, so das Ganze". Wer zu Silvester und Neujahr also opulent speist, dem wird es das ganze kommende Jahr hindurch an nichts mangeln.

Schon die alten Römer nutzten (unter anderem auch) den Jahreswechsel für ausschweifende Ess- und Trinkgelage. Dagegen mutet das Silvestergericht ihrer Nachfahren eher kärglich an: In Italien gibt es nun vorzugsweise Linsengerichte. Doch das hat nichts mit Bescheidenheit zu tun! Mit den Linsen, die ja ein bisschen wie kleine Münzen aussehen, will man sich nämlich symbolischen Geldsegen fürs kommende Jahr herbeifuttern. Zusätzlich trägt man in Bella Italia nun rote Unterwäsche, um neben Geld auch noch Liebe, Glück und Erfolg herbeizulocken.

Der Linsentrick ist auch in den USA und Tschechien bekannt. In Griechenland dagegen, wo Geld Glück schlechthin bedeutet, backt man im sogenannten Basiliusbrot gleich echte Münzen als gute Vorzeichen ein und erprobt sein Glück sodann die ganze Nacht – oft bis zum Sonnenaufgang am 1. Januar – bei Karten- oder Würfelspielen.

Und wer, wie früher in Nordböhmen, zur Jahreswende Schweinefleisch verzehrt, der dürfte ab Neujahr wirklich ein "Sauglück" haben! (Geflügel am 31.12. oder 01.01. dagegen steht in dem schlechten Ruf, künftiges Unglück heraufzubeschwören.)

In Spanien dagegen stehen Weintrauben auf dem silvesterlichen Speiseplan; und zwar genau zwölf. Die erste davon ist exakt um Mitternacht mit dem ersten Kirchenglockenschlag zu essen – und mit jedem weiteren Glockenschlag dann die nächste. Bei jeder Beere darf man sich etwas wünschen. Beim zwölften Schlag aber muss die letzte unbedingt verzehrt sein – sonst droht Unheil im neuen Jahr.

Generell hat das Glück zu Silvester Hochkonjunktur: In vielerlei Gestalt purzelt es aus Tischbomben oder wird als Party-Mitbringsel verschenkt: Das Glücksschwein aus Marzipan, der Glückspfennig, das Hufeisen (Achtung! Immer mit der offenen Seite nach oben aufstellen oder -hängen, sonst fällt das Glück gleich wieder hinaus!), Fliegenpilz, Marienkäfer – und natürlich der Schornsteinfeger, der uns symbolisch den Weg nach oben freimacht.

Die wahrscheinlich dreisteste Neujahrsmogelei ist allerdings die, sich vierblättrige Kleeblätter gleich töpfeweise ins Haus zu holen. Denn eigentlich gelten sie ja nur dann als glücksverheißend, wenn man sie ganz zufällig findet. Na, den Versuch ist's trotzdem wert.

Wer auf der Suche nach einem etwas ausgefalleneren silvesterlichen Blumengruß ist, kann zu Ilex, Lorbeer, Rosmarin, Myrte, Efeu oder Mistel greifen. Denn das sind ebenfalls "magische" Pflanzen, mit denen man anderen  eine Extraportion Glück und Lebenskraft ins Haus bringen kann.
  

Gutes wünschen ist das Beste!

Und darauf kommt es doch vor allem an: Auf der Schwelle ins neue Jahr kann man sich gegenseitig eigentlich gar nicht genug Glück wünschen. Denn vielleicht ist ja wirklich etwas dran an der alten Hexenregel, dass alles, was man anderen wünscht, drei- bis siebenfach zu einem selbst zurückkommt?

Früher gingen die Bauern in der Silvesternacht sogar eigens in den Garten, um ihren Obstbäumen ein gutes neues Jahr zu wünschen – und so eine gute Ernte heraufzubeschwören.
   

In diesem Sinne: "Prosit Neujahr!" Was so viel heißt wie: "Es möge gelingen." Was immer Sie sich für das kommende Jahr auch wünschen ...

 

Vielen Dank für Ihr Interesse!

Bei dem Text, den Sie gerade gelesen haben, handelt es sich um die Kombination und überarbeitete Neufassung zweier ursprünglich im Auftrag der Kieler Werbeagentur WortBildTon GmbH für das "mein coop Magazin" (Dezember-Ausgabe 2004 und 2013) verfasster Artikel, online ab November 2017.

Fotos: © Michaela Mundt sowie © Alexandra H. / pixelio.de (Sektkorken), © Bettina Heiroth / pixelio.de (Glücksklee), © Verena N. / pixelio.de (Glücksschweinchen) und © marika / pixelio.de (Schornsteinfeger). Vielen Dank dafür!